Jeder kennt ihn. Er pocht, sticht, zieht oder brennt. Er lähmt, nörgelt oder martert.
Schmerz ist eine der grundlegendsten menschlichen Erfahrungen. Er begleitet uns von der Geburt bis in den Tod. Und doch ist er schwer zu fassen. Kurz: Schmerz ist, wenn es wehtut. Doch Schmerz ist nicht bloss Feind, sondern auch Freund. Wenn Gewebe in unserem Körper so stark gereizt wird, dass es zerstört zu werden droht, warnen uns Schmerzen. So lässt Schmerz uns die Hand blitzschnell von der heissen Herdplatte zurückziehen.
Unserem Nervensystem verdanken wir, dass wir überhaupt Schmerzen empfinden können. In der Regel entstehen Schmerzen, wenn die Körperoberfläche oder ein inneres Organ stark gereizt wird: durch Dehnung, Druck, einen chemischen Reiz, starke Hitze oder Kälte. Sogenannte Schmerzrezeptoren, freiliegende Nervenendigungen. Erreicht er eine gewisse Schwelle, schlägt er Alarm und schickt die Information entlang einer Nervenfaser zum Rückenmark. Die Nervenzellen ziehen von dort weiter bis in den Hirnstamm. Dieser Gehirnbereich steuert wichtige unbewusste Körperreaktionen, die wir bei Schmerzen an uns beobachten können: Wir atmen schneller und tiefer, der Blutdruck steigt, unser Herz klopft heftig, wir schwitzen.
Bewusst wird uns der Schmerz allerdings erst, wenn das Signal über das Zwischenhirn bis ins Grosshirn geleitet wird. Dort erkennen wir den Schmerz, orten ihn im Körper, spüren seine Eigenart und nehmen Gefühle wahr, die den Schmerz begleiten.
In der Schweiz leidet gut jeder Vierte unter chronischen Schmerzen.
Bei zwei von ihnen treten die Schmerzen täglich auf. Am häufigsten sind Rückenschmerzen, gefolgt von Kopfschmerzen und Schmerzen in den Gelenken. Die Ursache sind vor allem rheumatische Krankheiten und Folgen von Fehlhaltung, Verspannung oder Überbeanspruchung, wie zum Beispiel Bandscheibenvorfälle. Chronische Schmerzen können aber auch Monate nach einer verheilten Krankheit oder gar ohne offensichtliche Verletzung auftreten. Der Schmerz löst sich vom ursprünglichen Auslöser und macht sich selbstständig.
Chronische Schmerzen bringen eine ganze Reihe von körperlichen, seelischen und sozialen Veränderungen mit sich. Die Angst vor dem Schmerz beherrscht das Denken, man wird vorsichtig, schränkt sich ein. Muskelverspannungen und Bewegungsmangel verstärken die körperliche Pein zusätzlich. Appetitlosigkeit und Schlafprobleme kommen hinzu. Der Schmerz macht alltägliche Aufgaben zur Qual. In der Folge ziehen sich viele Betroffene zurück. Die ständige Angst und das Gefühl des Alleinseins können zu Depressionen führen. Der Schmerz droht den ganzen Lebensraum der Betroffenen in Anspruch zu nehmen.
Nicht nur beim chronischen, auch beim akuten Schmerz gilt: Schmerz umfasst neben der körperlichen Wahrnehmung immer auch Gedanken und Gefühle. Nicht jeder Mensch erlebt Schmerzen gleich.
Jeder Schmerz hat eine emotionale oder psychische Komponente.
Schmerz ist also nicht nur ein körperliches Ereignis. Es gibt Zustände, in denen der Mensch an der emotionalen Komponente des Schmerzes leidet, ohne dass er einen körperlichen Schmerzreiz verspürt, er empfindet psychischen oder seelischen Schmerz.
Im Gehirn sind die gleichen Hirnareale aktiv, die auch bei körperlichem Schmerz arbeiten. Psychischer Schmerz muss keinesfalls immer Anzeichen einer Krankheit sein. Ungerechtigkeit, Demütigung, der Verlust einer geliebten Person oder eine Trennung können ebenso psychisch schmerzen. Solche vorübergehende Leidenszustände sind eine natürliche Reaktion der Seele auf Notsituationen, ein Signal, dass etwas mit dem Menschen oder seiner Umgebung nicht stimmt.
Viele seelische Schmerzen gehen spontan wieder vorbei oder lassen sich zum Beispiel durch ein Gespräch lindern. Jeder muss für sich selber entdecken, wie er mit psychischem Schmerz am besten umgeht. Die häufigsten Strategien sind laut einer Umfrage: Gespräche mit Freunden, beten, lesen, sich ablenken oder sich etwas gönnen.